Bettina Messinger SPD-Stadträtin in München   |   Sitemap   |   Impressum   |   Kontakt

September 2016

Ausstellung "Karl Preis - Visionär und Pionier"

In Vertretung unseres Oberbürgermeisters Dieter Reiter durfte ich die Ausstellung über das Leben und Wirken des wohl beeindruckendsten Mannes in der Geschichte des Münchner Wohnungsbaus, Karl Sebastian Preis, eröffnen.

Die Ausstellung ist in der Hauptverwaltung der Gewofag an der Kirchseeoner Straße 3
vom 14. September bis zum 13. Oktober zu sehen.

Die GEWOFAG ehrt mit dieser Ausstellung ihren Gründer und ersten Aufsichtsratsvorsitzenden anlässlich seines 70. Todestages im Mai 1946. Geboren 1884 in Auerbach in der Oberpfalz – Kaiser Wilhelm I. hatte gerade den Grundstein für das Reichstagsgebäude in Berlin gelegt – trat er mit 33 Jahren in die SPD ein und wurde drei Jahre später – 1920 - in München berufsmäßiger Stadtrat, also Referent, für die Wohnungswirtschaft

Das Wohnungsproblem in unserer Stadt ist fast so alt, wie München selbst. Allein zwischen 1883 und 1901 verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf rund 500.000 Menschen, Wohnraum wurde immer knapper und teurer. Eine Wohnungserhebung zwischen 1904 und 1907 ergab, dass pro Person gerade einmal 3 Quadratmeter Wohnfläche bei einer lichten Zimmerhöhe von 1,70 Metern im Schnitt Realität war. In der Oberen Au wurde beispielhaft notiert, dass sieben Haushalte mit zusammen 22 Kindern die Räume teilen mussten, die nach dem Bebauungsplan für eine einzige Familie bestimmt war. Es herrschte das „Schlafgängerwesen“, bei dem eine einzige Bettstatt zu horrenden Preisen zweimal, an einen Tag- und an einen Nachtarbeiter vermietet wurden.

Durch Wohnungsneubau, vor allem aber durch den Beginn des ersten Weltkrieges, als die Soldaten ihre Wohnungen aufgeben und ihre Familien bei Verwandten wohnen mussten, entspannte sich zunächst die Situation. Ab Mitte 1917 wurde es aber sehr schnell sehr dramatisch. Der Ausbau der Rüstungsindustrie zog viele neue Arbeiter in die Stadt, der Wohnungsneubau kam durch den Krieg zum Erliegen. Bei Kriegsende, als Truppen und heimatlose Flüchtlinge in die Stadt kamen, fehlten quer durch alle Bevölkerungsschichten tausende Wohnungen. Der Münchner Magistrat verbot zeitweise sogar den Zuzug nach München und musste für 8.469 Personen auch in Garagen und sogar Leichenhallen Massen- und Notquartiere einrichten. Baustoffe waren kriegsbedingt extrem knapp, das Bauen und Reparieren verteuerte sich exorbitant. Inflation und Wirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit 1922/23 taten ihr Übriges. 1927 verzeichnen die amtlichen Unterlagen der Stadt einen Bestand von 178.029 Wohnungen, 15.338 Untermiethaushalte und 30.473 Wohnungssuchende.

Trotz der widrigen Umstände entstanden unter Karl Preis rund neue 5.000 Wohnungen bis 1925. Nach einem von ihm im Juni 1926 vorgelegten ersten „Münchner Sonderbauprogramm“ veröffentlichte er ein Jahr später eine 176-Seiten umfassende Denkschrift „Die Beseitigung der Wohnungsnot in München“ in der ganz konkret aufzeigte, wie in kurzer Zeit 12.000 Wohnungen neu entstehen könnten. Am 28. April 1928 beschloss dann der Münchner Stadtrat genau dieses Programm, zwei Monate später wurde zur Umsetzung die GEWOFAG gegründet. Zwischen 1928 und 1930 wurden unter Karl Preis dann tatsächlich 11.000 Wohnungen gebaut.

Karl Sebastian Preis hatte in seiner Denkschrift von 1927 nicht nur den Umfang, die Zeitspanne und die Finanzierung des Bauprogrammes vorgezeichnet, er formulierte auch Vorschläge für die technische und gestalterische Umsetzung der Wohnsiedlungen, forderte standardisierte Bauverfahren, kümmerte sich um Architektenwettbewerbe und übergeordnete Bebauungspläne. Er setzte mit eigenem Bad und Toilette in der Wohnung einen neuen Standard, und erfand mit der zu einer neuen Siedlung gleich mit zu bauenden Infrastruktur von Einzelhandel, Handwerkern, Schulen und Kirchen, Kindergärten und Gastwirtschaften einen damals in ganz Deutschland einzigartigen Weg.

Während des Nationalsozialismus und des zweiten Weltkrieges, die mit dem Sozialdemokraten Karl Preis - vorsichtig formuliert – wenig anfangen konnten, lebte dieser in Murnau. Unmittelbar nach Kriegsende im Mai 1945 holten ihn Karl Scharnagel und Thomas Wimmer als Wohnungs- und Wiederaufbaureferent nach München zurück, im November 1945 wurde er sogar Regierungskommissar für das Flüchtlings- und Wohnungswesen in ganz Oberbayern. Viel zu früh, am 9. Mai 1946, ist er an Gelbsucht verstorben.

Sein beeindruckendes Lebenswerk, sein unermüdlicher Einsatz für die Schwächsten in der Gesellschaft und sein Pionierwerk für den Wohnungsbau haben dafür gesorgt, dass der Name Karl Preis bis heute untrennbar mit München verbunden ist. Ihm zu Ehren wurde der frühere Melusinenplatz gleich hier um die Ecke nach ihm umbenannt, seit Oktober 1980 taucht sein Name auch auf jedem U-Bahn-Plan der Stadt auf.

Enkel von Karl Preis, Hannes S. Macher, und Renate Wirthmann vom Arbeitskreis Stadtteilgeschichte Ramersdorf

Die Landeshauptstadt München ist, dem Enkel von Karl Preis, Herrn Hannes S. Macher, und dem Arbeitskreis Stadtteilgeschichte Ramersdorf mit der unermüdlichen Renate Wirthmann an der Spitze, sehr dankbar, diese Ausstellung initiiert und zusammen gestellt zu haben. Nach der zum Glück erhalten gebliebenen Stadtteilbibliothek freut es mich sehr, dass sie nun einen Monat in der GEWOFAG, unserer größten städtischen Wohnungsbaugesellschaft, zu sehen ist.

Viele der damaligen Probleme und die Lösungen von Karl Sebastian Preis haben nichts von ihrer Aktualität verloren: Wir haben auch heute noch viel zu wenig vor allem bezahlbaren Wohnraum in unserer Stadt und das städtische Wohnungsbauprogramm „Wohnen in München“ wird gerade zum sechsten Mal seit 1989 fortgeschrieben. Mit dem Programm „Wohnen für alle“ bauen wir zusätzlich möglichst schnell standardisierte Wohnungen, die bezahlbar sind -, wie der Name schon sagt für alle Münchnerinnen und Münchner mit schmalem Geldbeutel, nicht nur für Flüchtlinge, aber auch. Bis heute leisten die städtischen Wohnungsbaugesellschaften den mit Abstand größten Beitrag zu bezahlbaren Mieten. Und obwohl für den sozialen Wohnungsbau in Deutschland eigentlich die Bundesländer zuständig sind, nahm die Landeshauptstadt München im gerade abgerechneten Jahr 2015 für den Erwerb von immer knapper werdenden Grundstücken und Immobilien 394 Millionen Euro und für den Neubau von Wohnungen 210 Millionen Euro aus. Allein für den Ankauf von rund 1.000 Landesbank-Wohnungen der vom Freistaat privatisierten GBW AG haben wir nicht nur 5 Prozent mehr gezahlt als der jeweilige Marktwert betrug, wir haben für den Erhalt dieses bezahlbaren Wohnraums rund 220 Millionen Euro ausgegeben. Werkswohnungen, zu Zeiten von Karl Preis eine Selbstverständlichkeit für größere Unternehmen, gibt es fast nicht mehr. Gemeinsam mit OB Dieter Reiter drängen wir im Stadtrat darauf, dass sich die Wirtschaft hier mehr ihrer Verantwortung stellt.

München wächst und wächst – ein Zuzugsverbot wie nach dem ersten Weltkrieg wäre heute völlig undenkbar. Bis 2030, so die Prognosen, also innerhalb der nächsten 14 Jahre, wird die Stadt um 200.000 Einwohner wachsen. Gleichzeitig gibt es aber nach jüngsten Untersuchungen maximal innerhalb der Stadtgrenzen noch Flächen für 61.200 Wohnungen. Spätestens hier wird klar, dass wir ohne Nachverdichtung und ohne die Mitwirkung des Umlandes das Wohnungsproblem nicht lösen können – egal, wieviel Geld oder wieviel Personal wir dafür investieren.

Karl Sebastian Preis, dieser sozialdemokratische Visionär und Pionier, hätte also auch heute, 70 Jahre nach seinem Tod, genügend zu tun. Wir werden im Rathaus, in den Bezirksausschüssen und in den städtischen Wohnungsbaugesellschaften alles tun, seinem Vorbild, seinem Anspruch gerecht zu werden. Und wir werden ihm auch weiterhin ein ehrendes Andenken erhalten. Er hat es sich wahrlich mehr als verdient.

Foto GEWOFAG

Die Pressemitteilung der GEWOFAG dazu finden sie hier.

Die Publikation zu Karl-Sebastian-Preis steht hier zum Download bereit.